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Vernissage Boaventura, Coalmine Winterthur

April 27 @ 18:30 - Juni 16 @ 18:00

Djalma Tardin

28.04.2018 – 16.06.2018
BOAVENTURA
Thomas Brasey

Eine Ausstellung im COALMINE Forum für Dokumentarfotografie, kuratiert von Sascha Renner

Vernissage: Freitag, 27. April 2018, ab 18.30 Uhr; 19 Uhr Einführung mit Thomas Brasey

Im Jahr 1819 emigrierten rund 2000 Schweizer Bürger nach Brasilien, angetrieben von Hungersnot und ökonomischer Krise in ihrer Heimat. Zwischen zwei und fünf Monaten dauerte die Überfahrt auf einem der sieben Schiffen der Auswandererflotte. Die Beschwerlichkeit der Reise, deren mangelhafte Organisation und Krankheiten forderten einen hohen Tribut: Jeder siebte der Siedler starb unterwegs. Die Verbliebenen gründeten die Siedlung Nova Friburgo in den Bergen nahe Rio de Janeiro. Als sich herausstellte, dass das Land kaum genug hergab, um sie alle zu ernähren, brach die Gemeinschaft auseinander. Einige kehrten nach Rio zurück, wo sie in Armut und kriminellen Verhältnissen lebten. Andere wandten sich nach Norden, wo ihnen Kaffeepflanzungen einträgliche Geschäfte brachten – nicht zuletzt dank Sklavenarbeit.

Der Auswanderung vorausgegangen war eine Katastrophe: der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora und die dadurch hervorgerufenen Missernten. Im Oktober 1817 verhandelte daher ein Abgesandter Freiburgs mit dem König von Brasilien und erwirkte einen Kolonisationsvertrag. Am 4. Juli 1819 brachen die ersten Siedler in Estavayer-le-Lac auf. Von den 2000 Schweizern stammten 830 aus dem Kanton Freiburg, 140 aus Luzern; weitere Gruppen aus anderen Kantonen schlossen sich ihnen an. Für die Behörden war die Auswanderung auch eine willkommene Gelegenheit, unerwünschte Teile der Bevölkerung loszuwerden. Dabei handelt es sich um ein bemerkenswertes Beispiel «verknüpfter» Geschichte, die in der Gegenwart ihr Echo findet: Auswanderung aufgrund klimatischer und wirtschaftlicher Phänomene.

In seiner Betrachtung dokumentiert Thomas Brasey die heutige Stadt Nova Friburgo und erinnert auf sehr persönliche Weise an die Abenteuer der Schweizer Siedler. Seine dreiteilige Serie umfasst Landschaften und Porträts, entstanden in und um Nova Friburgo, sowie im Studio inszenierte Objekte in Schwarzweiss. Allesamt enthalten sie Hinweise auf historische Episoden der Auswanderung, die der Autor in Erinnerung ruft. So bezeichnen die Landschaftsaufnahmen Stationen des brasilianischen Reisewegs der Emigranten, denen der Fotograf gefolgt ist, von der Ankunft in Rio bis zu ihrem Ziel in Nova Friburgo. Wie so oft in der Arbeit von Thomas Brasey wirken diese Landschaften ausgestorben und sinnentleert. Sie kontrastieren auf ironische Weise mit der historisch zugeschriebenen Bedeutung des Orts, was durch die Erhabenheit der fotografischen Darstellungen noch verstärkt wird.

Ebenso verhält es sich mit den Porträts von Nachkommen der Siedler: Sie werfen Fragen auf und stellen dadurch unsere oft zu simple Definition von Identität zur Diskussion. Sind diese Menschen Schweizer oder Brasilianer? Wo liegt die Grenze zwischen «denen» und «uns»? Welchen Stellenwert hat Herkunft gegenüber anderen identitätsstiftenden Faktoren wie soziale Klasse, Arbeit, Alter und Geschlecht?

Die Studioaufnahmen ihrerseits erinnern auf subtile Weise an den Überlebenskampf der Auswanderer. Ein Weisser Hai spielt auf die zahlreichen Bestattungen auf See an, aber auch auf die skrupellosen Schleuser der Brasilienreise. Die Scherben einer Schnapsflasche verweisen auf die Perspektivlosigkeit der Siedler, das Abgleiten in die Kriminalität, den Sittenzerfall. Die Anopheles-Mücke steht für die Malaria; welche die Emigranten in Lagern bei Rotterdam befallen hatte. Dass diese Objekte meist aus der Gegenwart stammen, erlaubt es heutigen Betrachtern, sie zu dechiffrieren. Sie zeugen von der narrativen Kraft und Fabulierfreude eines Fotografen, der sich als Geschichtenerzähler, Autor und Regisseur versteht.

Thomas Brasey gibt damit einer in Briefen und Tagebüchern zwar schriftlich fixierten, aber bildarmen historischen Erzählung fotografische Gestalt. Über die historische Annäherung hinaus stellt er Fragen nach der tragischen Aktualität der Emigration und erinnert daran, dass vor nicht allzu langer Zeit Europäer ihren Kontinent auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen hatten. Das Vermittelnde, Interpretierende und Inszenierte erweist sich bei Thomas Brasey nicht als Defizit des Dokumentarischen, sondern als schöpferisches Stilmittel, das zu hoch ästhetischen, raffinierten und erhellenden Erzählungen führt.

Fotografische Ermittlung: Thema Freiburg

1996 initiierte das Amt für Kultur des Kantons Freiburg die «Fotografische Ermittlung: Thema Freiburg» («Enquête photographique fribourgeoise»). Auf Wettbewerbsbasis beauftragt das Amt alle zwei Jahre einen Fotografen, ein Freiburger Thema zu dokumentieren. Dessen Arbeit ist anschliessend Gegenstand einer Ausstellung und einer Publikation. Die «Ermittlung» dient der Förderung des künstlerischen Schaffens und wurde 2016 Thomas Brasey anvertraut. «Boaventura» wird vom 16.12.2017–16.4.2018 im Musée gruérien in Bulle ausgestellt.

Biografie

Thomas Brasey, geboren 1980, lebt in Lausanne. Doktorat in metallorganischer Chemie, danach Studium der Fotografie und Bachelor in visueller Kommunikation an der ECAL. Seither freischaffender Fotograf. In seinen Projekten, die ihn nach Afrika, Zentralasien und Brasilien geführt haben, entwickelt er seine eigene Auffassung von dokumentarischer Fotografie.

Publikation

Thomas Brasey: Boaventura, mit Texten von Christophe Mauron (Musée gruérien, Bulle) und Sascha Renner (COALMINE, Winterthur), Kehrer Verlag, 2017, 136 S. Preis: CHF 45.

Details

Beginn:
April 27 @ 18:30
Ende:
Juni 16 @ 18:00
Webseite:
http://www.coalmine.ch/forum-fuer-dokumentarfotografie/aktuell/